Im Vorfeld der olympischen Spiele überschlagen sich die Ereignisse. Aufgrund der ungelösten Tibet-China-Situation tritt der sportliche Wert in den Hintergrund und politische Ambitionen nehmen überhand. Die Sportler lassen sich größtenteils nicht beirren und wollen trotz der angespannten Lage ihr Bestes geben. Bei einem offiziellen Spiel zu einer sportlichen Großveranstaltung stellt sich allerdings zwangsläufig die Frage, wie ernst es die Entwickler mit der Umsetzung meinen. Beijing 2008 hat viele Stärken, leidet aber unter noch mehr Schwächen.

In Anbetracht der Historie dieses Genres muss man sich als Spieler, viele Jahre nach International Track & Field, Winter Heat & Co., ja schon mit wenig zufrieden geben. Die Präsentation ist zweckmäßig und hinterlässt keinen Zweifel daran, dass sich Sega Mühe gemacht hat, das Flair der echten olympischen Spiele einzufangen. Größtenteils ist dieses Vorhaben auch gelungen, lediglich das Wegdrücken der zahlreichen Zwischensequenzen nervt bereits nach kurzer Zeit.
Der Kern eines guten Sportspiels ist die Steuerung. In dieser Disziplin hinterlässt Beijing 2008 einen zwiespältigen Eindruck. Der Großteil der Aufgaben besteht aus sturem Button-mashing. Die Königsdisziplin, der 100-m-Lauf, beginnt mit einem Balken, den man mittels Schultertaste im richtigen Moment zum Anschlag bringen muss. Anschließend hämmert man abwechselnd auf zwei Knöpfe und versucht, den ersten Platz zu erringen und vielleicht sogar den Weltrekord zu knacken. Alternativ kann man diesen Abschnitt auch mit den linken und rechten Analogsticks meistern.

Die meisten der rund 40 Disziplinen muss man anhand dieser Steuerungsoptionen absolvieren. Sega wartet bei Beijing 2008 mit einer Fülle an Aufgabestellungen auf, die nahezu alle Spielerwünsche zufrieden stellen dürften. Zahlreiche Bahn-, Wasser- und Turnsportarten sind nur die Spitze des Eisberges. Hinzu kommen noch Schießübungen, Judo, Kanu, Tischtennis und vieles mehr. Erfreulich hierbei ist die Tatsache, dass sich Sega bei den einzelnen Disziplinen wirklich etwas gedacht zu haben scheint. Speziell die Schießaufgaben machen Spaß und gehen einen Weg abseits der auf Dauer eintönigen Button-mashing-Pfade. Beim Bogenschießen muss man unter Beachtung der vorherrschenden Windverhältnisse genau ins Schwarze treffen – vor allem mit Freunden vermögen es solche Dinge, lange an den Bildschirm zu fesseln.
Eine interessante Variante verfolgt Sega mit der Umsetzung des Bodenturnens. Anstatt ausschließlich auf Schnelligkeit zu setzen, muss man als Spieler Ruhe und Präzision an den Tag legen. Auf der virtuellen Matte erscheinen kurz vor der Übung die entsprechenden Tasten, die man im richtigen Moment drücken muss. Je nach Schwierigkeit der Performance muss man mehr Knöpfe drücken und erhält ein dementsprechend hohes Punktekonto.
...es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass Beijing 2008 für Xbox 360 und PlayStation 3, nicht aber für Nintendos Wii, erscheint...
Die große Anzahl an sportlichen Aufgaben wird aber durch einen enormen Qualitätsverlust erkauft. Während die Schieß-, Lauf- und Schwimmdisziplinen sowohl im Single- als auch Multiplayer-Modus für eine gewisse Zeit Spaß machen, wurden andere Sportarten sehr schlecht umgesetzt. Judo liefert dem Spieler nahezu keine Hinweise zum Meistern der Aufgabe, die auszuführenden Tastenkombinationen werden nirgends erläutert und machen es fast gänzlich unmöglich, irgendeine Aktion kontrolliert zu kontern. Was sich die Entwickler bei der Integration von Tischtennis und Kanu fahren gedacht haben, wird wohl auf ewig deren Geheimnis bleiben. Eine gute Zeit beim Kanu fahren wird durch die steife, ungenaue und wenig intuitive Steuerung gänzlich ausgebremst, während Tischtennis in keiner Hinsicht mit Rockstars Table Tennis konkurrieren kann.
Der Hauptmodus von Beijing 2008 eröffnet dem Spieler die Möglichkeit, nach Olympia-Gold zu streben. Doch wie in keinem anderen Spiel ist der ebenfalls vorhandene Trainingsmodus ein Pflichtprogramm. Die bereits angesprochenen Schwierigkeiten in Beijing 2008 manifestieren sich im Schwierigkeitsgrad. Viele Disziplinen sind unfassbar schwer und verhindern den angestrebten Weltrekord. Die teils kreativen Steuerungsmöglichkeiten offenbaren hier die wahren Schwächen. In zahlreichen Situationen hat man nur den Bruchteil einer Sekunde Zeit, um den richtigen Absprungwinkel zu finden oder sich rechtzeitig zum Startschuss ins Wasser zu werfen. Trifft man den korrekten Zeitpunkt nicht, kann man einen erfolgreichen Weltrekordversuch schon vergessen. Ein gelungener Versuch ist trotz nahezu perfekter Leistung seitens des Spielers nicht automatisch ein erfolgreicher Versuch. Der hohe Schwierigkeitsgrad ist bei einigen Disziplinen fordernd, bei anderen aufgrund der vermurksten Steuerung unfair.

Für Solospieler ist der Hauptmodus ‚Olympische Spiele’ von Beijing 2008 interessant. Auf Basis von täglichen Aktivitäten übernimmt man die Rolle eines Managers und versucht, das Team aufzubauen und Gold zu holen. Jeden Tag muss man gewisse Aufgaben erfüllen, die mit fortdauernder Spielzeit anspruchsvoller werden. Dieser Modus ist prinzipiell nett umgesetzt, stellt jedoch folgende Sinnfrage in den Raum: Was erwarte ich mir von einem Spiel dieses Genres? Die Jagd nach Rekorden und das Sammeln von Goldmedaillen sowohl im Single- als auch im Multiplayer-Modus haben schon Winter Heat und International Track & Field ausgemacht. Dieses Schema führt das Konzept ad absurdum: Zu Beginn hat das Team nicht alle Fähigkeiten; daraus resultiert, dass man nahezu keine Chance hat, eine optimale Performance abzuliefern. Zum Glück gibt es noch den zweiten Hauptmodus ‚Wettkampf’, der die Reduktion der Fähigkeiten nicht berücksichtigt.